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HOMEelectronic 1/2002
Audio Test: High-End-Röhrenendstufe
MC2102 auch adäquat zur
Geltung kommt. Rackeinbau ist
laut Hersteller ebenfalls zulässig, sofern man oberhalb der
Endstufe mindestens 30 cm
«Luft» lässt. Das Röhrenschutzgitter lässt sich auf Wunsch abnehmen und erleichtert das Entweichen der Abwärme. Nach
dem Einstecken der insgesamt
16 (!) Röhren (bei dem man
tunlichst Seidenhandschuhe
tragen sollte) ist der MC2102
zum Einheizen bereit. Eine Aufwärmpause in Form einer Einschaltverzögerung gönnt er sich
nicht, trotzdem sollte der Besitzer ihm eine solche zugestehen. Die Röhren danken es mit
längerer Lebensdauer.
Klang
Mit dem etwas behäbigen,
aber wohltemperierten Röhrensound, den man von so einem
Gerät vielleicht erwartet, hat der
McIntosh MC2102 nichts gemein. Wer seinen ideellen Vorgänger, den MC275 kennt, erinnert sich an den runden, warmen
Klang der KT88-Endröhren, der
zwar gewisse Stunden (beispielsweise an Weihnachten) zum unvergesslichen Erlebnis werden
lässt, einen aber in puncto Dyna-
mik, Basskontrolle und Feinauflösung nicht unbedingt vom
Hocker reisst. Obwohl der
MC2102 ebenfalls KT88 (aus
osteuropäische Fertigung) einsetzt, hat er mit diesem etwas
verklärten, nostalgischen Röhrenklang überhaupt nichts am
Hut. Er bietet ein Mass an Transparenz, Auflösung und räumlicher Offenheit, welches man nur
von ganz wenigen Endstufen der
absoluten Spitzenklasse zu hören bekommt. Ich kann mich eigentlich nur an zwei Highlights
aus meiner HiFi-Testvergangenheit erinnern, die Ähnliches geboten haben. Das waren einmal
der Linear Acoustic LA-Tube 1
(ebenfalls ein Röhrenverstärker)
und zum zweiten die Monoblöcke Pass Aleph 0 (Transistor
Class A), die in puncto Durchhörbarkeit und Abbildungspräzision zum Allerbesten auf dem
Weltmarkt gehören, allerdings
beide über 20 000 Franken angesiedelt sind. Obwohl ich den direkten Vergleich nicht hatte, dürfte der McIntosh hier problemlos
mithalten. So bringt er Stimmen
mit einer Inbrünstigkeit und Ortungsschärfe, die einem zur vielzitierten Gänsehaut verhelfen.
Fast schon leibhaftig stehen Vo-
kalisten klar um-
rissen im Raum, ihre Artikulation ist hervorragend. Gar
nicht röhrentypisch bietet der
MC2102 im Obertonbereich
eine Strahlkraft, welche tonal
ausgeglichene bis diskret abgestimmte Lautsprecher ins richtige
Licht rückt.
In puncto Lautsprecherkabel
wie auch betreffend Quellen ist
der Amerikaner äussert anspruchsvoll, frei nach dem Motto: «Das Beste ist mir gerade gut
genug...» «Wohlklingende» Kabel mit reichlich Grundtonwärme wie etwa das Music Wave
Ultra von Transparent wirken da
Wunder und sorgen für die begehrte Vollmundigkeit, die Käufer
von Röhrenverstärkern wahrscheinlich erwarten. Wir hatten
zum Test den Topline-CD-Spieler
001 von Burmester zur Verfügung, der dank UpsamplingTe chnik eine faszinierende
Räumlichkeit und enorme Feinzeichnung aus den Silberscheiben zaubert. Absolut ebenbürtig:
die Vorstufe C42 aus dem Hause
McIntosh (siehe Kasten auf S.
43), die mit sehr hohem Bedienungskomfort aufwartet. Zu beachten beim MC2102 ist die
niedrige Eingangsempfindlichkeit
(5 V für Vollaussteuerung!) bei relativ niedriger Eingangsimpedanz
(20 kOhm), was hohe Ansprüche
an den Vorverstärker stellt.
Druckvoll und pegelfest
Beeindruckend beim MC2102
ist der prägnante, druckvolle
Bass, der punkto Definition keineswegs hinter Transistorverstär-
kern der Spitzenklasse zurücksteht. Dabei kommt es ihm weniger auf ultimative Durchsetzung im Tiefbass an (wobei er
auch hier keinen hörbaren Mangel aufweist), sondern mehr auf
konturierten Midbass. So verleiht er etwa einem akustischen
Jazzbass die grollenden Tiefen
und schnarrenden Obertöne,
mit denen dieses Instrument
vom blossen Begleiter zum Solisten avanciert. Stabilität und
Durchsetzungsvermögen bei hohen Pegeln im Tieftonbereich
sind ohne Fehl und Tadel. Während sonst Röhrenverstärker bei
hoher Beanspruchung gern in
die Sättigung geraten, ist dem
MC2102 trotz seiner nominell
«nur» 100 Watt auch dann
kaum etwas anzumerken, wenn
das Wattmeter auf 0 dB und darüber ausschlägt. Die Wiedergabe bleibt selbst bei höchsten Pegeln über den gesamten Frequenzbereich sauber und differenziert. Dies zahlt sich insbesondere bei komplexem Musikmaterial wie symphonischen
Werken aus: Wie ein Dirigent
bleibt der Mac im Orchestergetümmel bei aller emotionalen
Hingabe unverrückbar auf dem
Podest. Zufrieden kontastiert
man auf der anderen Seite, dass
Wer keine kleinen Kinder oder Haustiere berücksichtigen muss, kann den MC2102
auch ohne Röhrenschutzgitter betreiben. So oder so benötigt dieser monumentale
Endverstärker einen bevorzugten Platz mit genügend Luft.
Auch der Rücken kann entzücken:
gekapselte Transformatoren und stabile Lautsprecherbuchsen, die sowohl
Kabelschuhe wie Bananenstecker aufnehmen. Der MC2102 kann wahlweise
symmetrisch angesteuert werden.